Promotion “Raumwahrnehmung und Körperwahrnehmung

in der architektonischen Praxis”

 

Es handelt sich hier um eine Arbeit, die eine der Schnittstellen der Architektur und des Tanzes untersucht, da ich selbst Architekt und Tänzer bin. Das Gemeinsame an diesen zwei Disziplinen, was mich am meisten interessiert ist der Zusammenhang zwischen der Raumwahrnehmung und der Körperwahrnehmung.

Meine These lautet, dass durch einen bewussten und gezielten körperlichen Training der Sinne eine besondere Art der Wahrnehmung des gebauten Raumes erreicht werden kann. Was ist so besonders an dieser Wahrnehmung? Nach Endell (Wolfrum, Janson, 2016, S.47) findet sie Schönheit im Hässlichen. Ich würde eher behaupten, dass diese Art der Wahrnehmung ein prä-ästhetisches Vergnügen ermöglicht. Es ist eine Wahrnehmung, die vor allem das vermeintlich strikt analytische Denken bewusst um die Sphäre des Fühlens erweitert. Gemeint hier ist das Fühlen als eine bis in die Peripherie reichende Wahrnehmung, die auf einfachen körperlichen Reflexen basiert und das empirisch Erfahrbare als Grundlage nimmt. Der Ansatz, der untersucht wird basiert auf den Techniken der Schulung der Sinne, die allgemein durch den Begriff Somatics abgesteckt werden. Eines der Grundprinzipien von Somatics ist Selbstbeobachtung, Entwicklung der Selbstwahrnehmung und die daraus folgende Sensibilisierung auf die Stimuli der Umwelt. Es entspricht ziemlich genau dem, was Architekturtheoretiker Janson als „Seiner selbst inne werden, sich selbst zusehen, heißt also, seiner selbst in räumlichen Verhältnissen inne werden, sich selbst mit und in einer räumlichen Situation sehen” (Wolfrum, Janson, 2016, S. 32), beschreibt. Vor dem Hintergrund, dass unsere Wahrnehmung schon in der embryonalen Phase einen kinetischen Ursprung hat und dass unser Bewusstsein auf diesen primären, taktilen Erfahrungen basiert, konzentriert sich Somatics auf der Schulung des kinästhetischen, propriozeptiven und taktilen Sinnes. Aus der Introspektion entsteht eine lebendige Relation zu der Umwelt und auch Janson weist darauf hin, dass die kinästhetische Wahrnehmung besonders wichtig beim Empfangen der atmosphärischen Eindrücke ist (Wolfrum, Janson, 2016, S.49).

Durch den somatischen Training kann der Zusammenhang zwischen eigener Körperhaltung, Körperbewegung und dem gelebten Raum deutlich spürbar und gestalterisch greifbar gemacht werden. In meiner Ansicht gibt Somatics eine gute, vorwiegend nonverbale Praxis der Erfahrung, der Verinnerlichung und der Gestaltung des Raumes. Insoweit folgt Somatics dem  Rat vom Stadtforscher Jürgen Hasse, zu den Atmosphären der Stadt ein „sprachloses Verhältnis” zu pflegen (in Wolfrum, Janson, 2016, S.51). Doch die verschiedenen systematischen Methoden des Somatics (Feldenkrais, Body-Mind Centering, Alexander Technique, etc.) und der geübte sprachliche Umgang mit den Körpererfahrungen können das architektonische Denken gut ergänzen und untermauern. Dadurch entstehen Parallelen zwischen der architektonischen und der somatischen Praxis, beginnend mit Aspekten der erfahrbaren Anatomie, über Physiologie und Modalitäten der Wahrnehmung, Aufmerksamkeitsverlagerung, Dimensionalität, Entstehung des persönlichen und sozialen Raumes, Körperhaltung und Ergonomie, bis zur Fortbewegung, Perspektivwechsel und Erfahrung der existenziellen Qualitäten der Architektur (Pallasmaa 2009). Diese grob skizzierten Parallelen können um ein ganzes Spektrum der Kreativitätstechniken des Choreographierens/Entwerfens und Aspekte der Komposition ergänzt werden. Ich beschäftige mich zur Zeit mit der Ausdifferenzierung dieser Parallelen, sowie mit der Ausarbeitung der Übersetzungsmöglichkeit zwischen deren Entsprechungen in Somatics und in der Architektur.

 

 

Wolfrum, S; Janson, A (2016): Architektur der Stadt, Stuttgart

Pallasmaa, Juhani (2009): The thinking hand. Existential and embodied wisdom in architecture. Chichester: Wiley (AD primers).